Mit einer bewegenden Veranstaltung gedachten Wetteraukreis, Stadt Büdingen und Büdinger Geschichtsverein gemeinsam der Reichspogromnacht. Éva Fahidi, 94-jährige Auschwitz-Überlebende, gelang es, die gut 150 Besucherinnen und Besucher im Stadtverordneten-Sitzungssaal, im Obergeschoss des Heuson-Museums in Büdingen, zwei Stunden lang zu fesseln.

Museumsleiter Joachim Cott konnte sich nicht erinnern, den Stadtverordneten-Sitzungssaal jemals so voll gesehen zu haben. Vor allem viele junge Leute kamen zu der abendlichen Veranstaltung, um eine Frau kennenzulernen, die die Schrecken zweier Konzentrationslager erlebt und überlebt hat. Es wurde zu einer eindrücklichen und nachhaltigen Geschichtsstunde, die wohl kaum einer der jungen Leute vergessen wird.

In seiner Begrüßung dankte Landrat Jan Weckler der 94-Jährigen, dass sie mit ihren Auftritten ein Zeichen gegen das Vergessen und gegen das Schönreden setze. Den Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Lübcke und den Angriff auf die Synagoge in Halle bezeichnete Weckler als gewaltige Aufgabe. „Es macht mir Sorgen, dass der Hass gegen alles, was irgendwie fremd erscheint oder anders als man selbst ist, immer offener zutage tritt.“

Weckler forderte dazu auf, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus entschlossen entgegenzutreten. „Tun wir es nicht, dann fühlen sich die Täter bestätigt und wähnen eine schweigende Mehrheit hinter sich. Wir müssen deutlich machen, dass wir bereit sind, für unsere freiheitlich demokratische Grundordnung, für die Freiheit und Gleichheit aller Menschen in unserem Lande einzutreten.“

Éva Fahidi hat den Holocaust überlebt. „Ich habe mich oft gefragt: Warum? Die Antwort lautet: Damit ich davon erzählen kann. Weil ich will, dass über den Holocaust so gesprochen wird, wie er geschehen ist. Der ungarische Holocaust wurde durch Ungarn verübt“, sagt Éva Fahidi und berichtet, dass es in Ungarn schon in den 20er Jahren eine Diskriminierung der jüdischen Minderheit gab.

Nackt und kahlgeschoren zur Selektion

1941 gab es in Ungarn die gleichen diskriminierenden Gesetze wie im Dritten Reich. Ungarn als Verbündeter Nazi-Deutschlands wurde im März 1944 von der Wehrmacht besetzt, zwei Tage später wurde das Haus der Familie beschlagnahmt. Die Familie musste später ins Ghetto nach Debrecen, der zweitgrößten Stadt Ungarns, übersiedeln. 14.000 Menschen jüdischen Glaubens wurden hier zusammengepfercht und später in Viehwagons nach Auschwitz deportiert. 80 Menschen in einem Viehwagon, ein Eimer Wasser und ein weiterer Eimer als Toilette. Unter unsagbaren Bedingungen war man drei Tage unterwegs. Zehn Mitglieder der Familie kamen nach Auschwitz, zwei haben überlebt. Eine Cousine von Éva Fahidi setzte bald nach ihrer Befreiung ihrem Leben ein Ende.

„Mit 18 Jahren kahl geschoren und nackt, stand ich in Birkenau zur Selektion an. Ich war jung und kräftig und wurde zur Arbeit eingeteilt.“ Gemeinsam mit vier anderen Mädchen aus ihrer Schule tat sie sich zusammen und irgendwie hat man es geschafft, zu überleben. Im August 1944 wurde sie nach Stadtallendorf deportiert, wo sie mit Tausenden anderen Zwangsarbeitern in einer Munitionsfabrik arbeiten musste.

Kurz vor Kriegsende wurde Éva Fahidi mit Tausend anderen Frauen auf einen Todesmarsch geschickt. Die Nazis wollten keine Beweise für Konzentrations- und Zwangsarbeiterlager hinterlassen. Nachts wurde marschiert, tagsüber versteckte man sich in Scheunen vor den Tieffliegern. „Wir liefen viele Kilometer in Holzschuhen mit Blasen an den Füßen.“ Éva Fahidi konnte nicht mehr weiter, sie versteckte sich in einer Scheune und wartete dort auf die Befreiung durch die Alliierten.

Gestalten Sie die Welt zum Guten

Wie sie das Martyrium überleben konnte, wurde Éva Fahidi von einer Schülerin gefragt. „Es geht nur mit anderen Menschen zusammen. Wir waren fünf Mädchen aus einer Schule. Wir haben uns gegenseitig geholfen und uns Mut zugesprochen. Das Zauberwort war: Der Krieg ist bald zu Ende und dann warten Mutti und Papi. Dabei wussten wir doch längst, dass sie nicht mehr lebten.“

An die Schüler gerichtet, forderte Éva Fahidi auf, die Welt zum Guten zu gestalten. Lange habe sie die Menschen gehasst, die sie gedemütigt haben, die ihre Familie getötet haben. 60 Jahre brauchte sie, um überhaupt über die Schrecken des Holocaust zu sprechen. „Aber wir letzten Überlebenden haben festgestellt, dass Hass nicht gut ist. Er macht die Seele krank.“ Wichtig war ihr aber, dass die Verbrechen der Täter juristisch aufgearbeitet werden. 2015 war sie Nebenklägerin im Prozess gegen Oskar Gröning. Der SS Mann wurde wegen Beihilfe zum Mord in 300.000 Fällen zu einer Freiheitsstrafe verurteilt.

Das Schlusswort zu der vom Jerusalem Duo musikalisch umrahmten Veranstaltung sprach Büdingens Erste Stadträtin Henrike Strauch. „Erzählen Sie die Geschichte weiter, bewahren Sie Haltung“, forderte sie die jungen Leute auf.

Quelle: Wetteraukreis

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